Brauchtum

Herrgottswinkel: Herkunft, Bedeutung und Einrichtung

Das Kruzifix in der Ecke der Stube: woher der Herrgottswinkel kommt, was hineingehört und wie Sie ihn heute würdig einrichten, auch ohne Eckbank.

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In den alten Stuben Oberbayerns und Vorarlbergs hing das Kreuz nicht irgendwo an der Wand, sondern in einer bestimmten Ecke. Dorthin wandte sich die Familie beim Tischgebet, dort steckten die geweihten Palmzweige, und dort lag der Ehrenplatz der Stube. Diese Ecke ist der Herrgottswinkel. Der Ratgeber erklärt, woher der Brauch kommt, was in den Herrgottswinkel gehört und wie Sie ihn heute würdig einrichten, auch in einer Wohnung ohne Eckbank.

Das Wichtigste in Kürze
  • Der Herrgottswinkel ist die Ecke der Wohnstube, in der das Kruzifix hängt. Vor allem in Bayern und Österreich ist er der feste Ort des häuslichen Gebets.
  • „Herrgott“ heißt in der Volkssprache auch das geschnitzte Bild des Gekreuzigten. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm verzeichnet diesen Gebrauch im Artikel „Herrgott“.
  • In den Herrgottswinkel gehören das Kruzifix, Bilder der Muttergottes und der Heiligen, die geweihten Palmzweige vom Palmsonntag und Weihwasser.
  • Das Konzil von Trient lehrte 1563: Die Ehre, die man heiligen Bildern erweist, gilt den Personen, die sie darstellen. Im Bild selbst wohnt keine eigene Kraft.

Was ist ein Herrgottswinkel?

Ein Herrgottswinkel ist die Ecke der Wohnstube, in der das Kruzifix hängt, umgeben von Heiligenbildern, geweihten Palmzweigen und oft einem Weihwassergefäß. Der Herrgottswinkel ist vor allem in Bayern und Österreich verbreitet und dient der Familie als fester Ort für das tägliche Gebet.

Der Name kommt von „Herrgott“. Das Wort bezeichnet in der Volkssprache nicht nur Gott selbst, sondern auch das Kruzifix. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm vermerkt im Artikel „Herrgott“: „mit herrgott meint man namentlich auch das geschnitzte bild des gekreuzigten“, und verweist dabei auf den Herrgottswinkel. Wer Kruzifixe schnitzte, hieß im Ammergau entsprechend Herrgottschnitzer.

Ein Herrgottswinkel ist also kein Altar und kein eigener Raum. Er ist ein Platz im Wohnzimmer, an dem Christus am Kreuz sichtbar über dem Alltag der Familie hängt. Wer eine ganze Gebetsecke mit Statue, Kerzen und Tischchen aufbauen möchte, spricht eher von einem Hausaltar.

Woher kommt der Herrgottswinkel?

Der Herrgottswinkel stammt aus der Bauernstube des katholischen Alpenlandes. Ofen, Tisch und Kruzifix hatten dort ihren festen Platz. Erzähler wie Ludwig Ganghofer und Franz Michael Felder erwähnen den Herrgottswinkel als selbstverständlichen Teil der Stube.

Ganghofer schildert in seiner Erzählung „Der Herrgottschnitzer von Ammergau“ die Stube eines Schnitzers in Ammergau, ein Zimmer, das seinem Zweck diente „wie jedes andere gleicher Art in den anderen Häusern des Dorfes“: „das Kruzifix im Herrgottswinkel mit den melancholisch überhängenden Palmzweigen, dann der übliche Kachelofen in der einen Ecke, in der anderen der massive eichene Tisch vor den in die Wand eingelassenen Bänken“. Der Vorarlberger Franz Michael Felder (1839 bis 1869) erwähnt in seiner zweibändigen Dorfgeschichte „Sonderlinge“ von 1867 die Stube „mit dem kleinen krucifix im herrgottswinkel“ und spricht vom „ehrenplatz im herrgottswinkel“.

Theologisch steht dahinter die Lehre der Kirche über die Bilder. Das Konzil von Trient bestimmte im Dezember 1563, die Bilder Christi, der Gottesmutter und der Heiligen seien „vor allem in den Kirchen“ zu haben und zu ehren. Das Haus ist damit nicht ausgeschlossen. Der Codex des kanonischen Rechts von 1917 nennt es „gut und nützlich“, die Bilder der Heiligen zu verehren (can. 1276).

„Die Ehre, die ihnen erwiesen wird, bezieht sich auf die Urbilder, welche jene darstellen, so dass wir durch die Bilder, die wir küssen und vor denen wir das Haupt entblößen und niederfallen, Christus anbeten und die Heiligen verehren, deren Abbild sie tragen.“

Konzil von Trient, Sessio XXV (Dezember 1563), Dekret über die Anrufung der Heiligen und die heiligen Bilder; eigene Übersetzung aus dem Lateinischen

Was gehört in den Herrgottswinkel?

In den Herrgottswinkel gehört zuerst ein Kruzifix, also ein Kreuz mit dem Korpus des Heilands. Dazu kommen Bilder der Muttergottes und der Hauspatrone, die geweihten Palmzweige vom Palmsonntag und ein kleines Gefäß mit Weihwasser. Mehr braucht ein Herrgottswinkel nicht.

Gegenstand Bedeutung Beleg
Kruzifix Mitte des Winkels, das Bild des Gekreuzigten Grimm, Artikel „Herrgott“
Palmzweige am Palmsonntag in der Kirche geweiht, hinter das Kreuz gesteckt Missale Romanum 1962, Nr. 827; Ganghofer
Heiligenbilder Muttergottes, Namenspatrone, Hauspatrone CIC 1917, can. 1276
Weihwasser zum Kreuzzeichen beim Gebet und für das Haus Rituale Romanum, Tit. VIII, cap. 2, Nr. 5

Die Palmzweige bleiben im Herrgottswinkel, bis sie vor dem Aschermittwoch in die Pfarrei zurückgehen oder am nächsten Palmsonntag durch neue ersetzt werden. Im Segensgebet des Missale von 1962 bittet der Priester, das Volk möge geistlich vollbringen, was es mit den Zweigen leiblich tut, „über den Feind den Sieg davontragend“. Die Bilder wählen Sie nach der Frömmigkeit Ihres Hauses: die Muttergottes, den heiligen Josef oder die Namenspatrone der Familie. Eine Auswahl finden Sie bei unseren katholischen Wandbildern.

Wandbild der Schmerzensmutter mit dem von Schwertern durchbohrten Herzen auf einem Holzbord, daneben Gräser in einer Glasvase
Ein Marienbild gehört in fast jeden Herrgottswinkel. Hier die Mater Dolorosa aus unserem Sortiment an Wandbildern (Rahmen nicht enthalten).

Wo hängt man den Herrgottswinkel auf?

Den Herrgottswinkel richtet man traditionell in der Ecke des Raumes ein, in dem die Familie isst und beisammen ist, gut sichtbar vom Tisch aus. Eine kirchliche Vorschrift über Ort oder Höhe gibt es nicht. Wichtig ist allein, dass der Herrgottswinkel im Blick der Hausgemeinschaft liegt.

Felder spricht vom „ehrenplatz im herrgottswinkel“: Wer dort saß, saß unter dem Kreuz. In einer heutigen Wohnung bietet sich die Ecke am Esstisch an, eine ruhige Wohnzimmerwand oder der Flur, durch den jeder beim Kommen und Gehen läuft. Das Kreuz hängt am besten so hoch, dass man beim Sitzen zu ihm aufschaut, ohne den Kopf in den Nacken legen zu müssen.

Fehlt eine Zimmerecke, genügt eine schmale Wand mit einem kleinen Bord darunter. Für Palmzweige und Weihwasser braucht es keinen großen Platz. Wichtig ist nur, dass der Winkel nicht zur Ablage für Schlüssel und Post wird, denn geweihte Dinge sind nach dem Kirchenrecht ehrfürchtig zu behandeln (CIC 1917, can. 1150).

Welches Kreuz eignet sich für den Herrgottswinkel?

Für den Herrgottswinkel eignet sich ein Kruzifix mit Korpus, also ein Kreuz, das den gekreuzigten Heiland zeigt. Ein Holzkreuz für die Wand von 35 bis 55 Zentimetern Höhe passt in die meisten Wohnräume. Für eine kleine Ecke im Flur genügt ein Wandkreuz von 35 Zentimetern.

Zwei Bauarten sind üblich. Beim geschnitzten Kreuz sind Balken und Korpus aus Holz, oft aus Lindenholz, und von Hand bemalt. Beim Wandkruzifix mit Kunstharzkorpus sitzt eine gegossene, bemalte Figur auf einem Holzkreuz; es ist günstiger. Beide erfüllen ihren Zweck im Herrgottswinkel. Entscheidend ist, dass das Gesicht des Heilands würdig ausgearbeitet ist, denn auf dieses Gesicht schaut die Familie jeden Tag.

Unsere Wandkreuze reichen von handgeschnitzten Siena-Kreuzen aus Lindenholz bis zu Wandkruzifixen mit Kunstharzkorpus. Ein Kreuz zum Aufstellen, etwa für ein Bord unter dem Herrgottswinkel, finden Sie bei den Stehkreuzen.

Aus der Werkstatt

Unsere Wandkreuze schnitzen wir nicht selbst. Die Siena-Kreuze kommen aus Italien: von Hand aus Lindenholz geschnitzt und im Siena-Stil farbig bemalt, das Barockmodell 45 Zentimeter hoch und 20 Zentimeter breit. Die Wandkruzifixe mit 35 und 55 Zentimetern haben ein Holzkreuz, einen handbemalten Korpus aus Kunstharz und einen Aufhänger an der Rückseite.

Für einen Herrgottswinkel über dem Esstisch empfehlen wir die größeren Maße, für den Flur oder das Kinderzimmer das Wandkreuz mit 35 Zentimetern.

Handgeschnitztes Wandkreuz Siena Barock aus Lindenholz, farbig handbemalt, 45 Zentimeter hoch Im Artikel erwähnt Wandkreuz Siena Barock, 45 cm In Italien von Hand aus Lindenholz geschnitzt und im Siena-Stil farbig bemalt. Zum Wandkreuz

Muss das Kreuz im Herrgottswinkel geweiht sein?

Ein Kreuz im Herrgottswinkel muss nicht geweiht sein, aber die Weihe ist ein alter und guter Brauch. Jeder Priester darf ein Kreuz für den privaten Gebrauch ohne besondere Erlaubnis segnen. Nach der Weihe ist das Kreuz ein Sakramentale und ehrfürchtig zu behandeln.

Das Rituale Romanum, das Ritualbuch der Kirche, enthält eine eigene Segnung des Kreuzes (Tit. VIII, cap. 24). Die feierliche Segnung von Kreuzen, die öffentlich verehrt werden, ist dem Ordinarius vorbehalten, in der Regel also dem Bischof, der sie jedem Priester übertragen kann; „privat aber kann diese Segnung jeder Priester vornehmen, ohne Erlaubnis des Ordinarius“. Die Kirche bittet darin, dass alle, die sich vor diesem Kreuz um des Herrn willen verneigen und beten, „Heil für Leib und Seele finden“.

Das Kreuz wirkt dabei nicht aus sich heraus. Das Konzil von Trient hält fest, man verehre die Bilder nicht, weil in ihnen eine Gottheit oder Kraft wohne, und setze kein Vertrauen auf sie, wie einst die Heiden auf ihre Götzen. Sakramentalien erlangen ihre Wirkung durch die Fürbitte der Kirche (CIC 1917, can. 1144). Bringen Sie das Kreuz nach der heiligen Messe zum Priester; die Segnung besteht aus zwei kurzen Gebeten und der Besprengung mit Weihwasser.

Wie betet man im Herrgottswinkel?

Im Herrgottswinkel betet die Familie das Tischgebet, das Morgen- und Abendgebet und in vielen Häusern den Rosenkranz. Man wendet sich dem Kruzifix zu, macht das Kreuzzeichen, gern mit Weihwasser, und verneigt sich vor dem Bild des Gekreuzigten.

Ein kurzes Gebet vor dem Kreuz ist das Stoßgebet Adoramus te, Christe. Die Sammlung der mit Ablässen versehenen Gebete Preces et pia opera führt es unter Nr. 191: Wer es im Stand der Gnade betet (CIC 1917, can. 925), gewinnt einen Ablass von drei Jahren (Sacra Paenitentiaria, 2. Februar 1934). Wer an Werktagen nicht zur Kirche kommt, kann mit dem Rosenkranz-Gebetsbegleiter auch zu Hause vor dem Kreuz den ganzen Rosenkranz beten.

Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi; quia per sanctam Crucem tuam redemisti mundum.

Wir beten dich an, Christus, und preisen dich; denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Preces et pia opera, Vatikan 1952, Nr. 191; deutsch eigene wörtliche Übersetzung

Häufige Fragen zum Herrgottswinkel

Was ist der Unterschied zwischen Herrgottswinkel und Hausaltar?

Der Herrgottswinkel ist eine Zimmerecke mit Kruzifix an der Wand, wie sie im Alpenland zu jeder Stube gehörte. Ein Hausaltar ist meist ein Tisch, eine Kommode oder ein Bord mit Stehkreuz, Statue und Kerzen. Beides kann man verbinden: das Kruzifix an der Wand, darunter ein kleiner Hausaltar mit einer Statue.

Was macht man mit den alten Palmzweigen?

Die alten Palmzweige aus dem Herrgottswinkel gehören nicht in den Hausmüll. Nach dem Missale von 1962 wird die Asche für den Aschermittwoch aus Zweigen bereitet, die im Vorjahr geweiht wurden. Fragen Sie deshalb in Ihrer Pfarrei, ob sie die Zweige vor dem Aschermittwoch annimmt; die neuen Zweige vom Palmsonntag nehmen dann ihren Platz ein.

Darf ein Herrgottswinkel ein schlichtes Kreuz ohne Korpus haben?

Ein Herrgottswinkel mit einem Kreuz ohne Korpus ist erlaubt; eine Vorschrift dazu gibt es nicht. Der Name „Herrgott“ meint aber das Bild des Gekreuzigten, und der überlieferte Brauch hängt deshalb ein Kruzifix in den Winkel.

Kann man einen Herrgottswinkel verschenken?

Einen Herrgottswinkel verschenkt man am besten in Teilen: ein Wandkreuz zur Hochzeit oder zum Einzug in ein neues Haus, später ein Marienbild oder ein Bild des Namenspatrons. So wächst der Winkel mit der Familie.

Quellen
  1. Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Artikel „Herrgott“ und „Herrgottswinkel“ (Bd. 10, Leipzig 1877, Sp. 1143 bis 1145). woerterbuchnetz.de
  2. Ludwig Ganghofer: Der Herrgottschnitzer von Ammergau, Kapitel 1. projekt-gutenberg.org
  3. Franz Michael Felder: Sonderlinge, 2 Bände, 1867, Bd. 1, S. 98 und Bd. 2, S. 76 (zitiert nach Grimm, Artikel „Herrgottswinkel“).
  4. Konzil von Trient, Sessio XXV (Dezember 1563), Dekret über die Anrufung, Verehrung und Reliquien der Heiligen und die heiligen Bilder; lateinisch nach Ph. Schaff, Creeds of Christendom, Bd. II (1877). ccel.org
  5. Codex Iuris Canonici von 1917, can. 925, 1144, 1150 und 1276. codex-iuris-canonici.de
  6. Rituale Romanum, Regensburg 1937 (nach der Editio typica 1925), Tit. VIII, cap. 2 und cap. 24.
  7. Missale Romanum, Editio typica 1962: Dominica II Passionis seu in Palmis, Nr. 827; Feria IV Cinerum.
  8. Preces et pia opera indulgentiis ditata, Vatikan 1952, Nr. 191.

Zuletzt geprüft am 19. Oktober 2026.

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